In der Kolumne des Monats zeichnet Katrin Lindow-Schröder nach, wie überraschend und inspirierend es sein kann, zum Beispiel bei Geschichten aus längst vergangenen Tagen auf erfolgreiche Fundraising-Beispiele zu stoßen. 

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal erwischt mich das Thema Fundraising eiskalt. Am Wochenende oder im Urlaub, wenn ich gerade nicht daran denke, genüsslich in einer Zeitung blättere oder Radio höre. Während es eigentlich um ganz andere Themen geht, sehe ich auf einmal Verbindungen zum Fundraising – so plötzlich, dass ich darüber manchmal sogar schmunzeln muss.

Kürzlich war es wieder mal soweit: Während einer Bahnreise war auf dem Tisch Lesestoff liegengeblieben, die Januar-Ausgabe von chrismon. Ich blätterte darin herum und blieb an einem Artikel über das Leben der Meta Diestel hängen, einer königlich-württembergischen Kammersängerin, die von 1877 bis 1968 lebte. Ich kannte diese Frau bisher nicht, und falls es Ihnen jetzt genauso geht, sind wir zumindest schon mal zu zweit.

In dem Beitrag erfuhr ich, dass Meta Diestel aus Tübingen stammt und es ihr kühnster Traum war, im dortigen Oratorienverein irgendwann einmal ein kleines Solo singen zu dürfen. Doch es kam viel besser: Am Stuttgarter Konservatorium erhielt sie eine profunde Gesangsausbildung, die ihre wunderbare Altstimme bestens schulte. Schon früh nahm ihre Karriere daher einen guten Lauf, so dass sie bald zahlreiche Konzertreisen auch ins Ausland unternahm.

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs schien ihre Laufbahn ein jähes Ende zu nehmen – aber in Lazaretten und vor Frontsoldaten sang sie weiter. Parallel dazu engagierte sich Meta Diestel ehrenamtlich in kirchlichen Frauenverbänden und mutierte zur Fundraiserin: Sie beschaffte die während der Kriegsjahre dringend benötigten Lebensmittel, indem sie Liederabende auf dem Land gab. Der Eintritt war nur gegen ein Ei pro Person möglich – und die Spenden flossen so reichlich, dass der Frauenverband anschließend auch Grieß, Butter, Salat, Gemüse und vieles mehr an Bedürftige verteilen konnte. Dies war der Moment, als aus der Kammersängerin die Speisekammersängerin wurde. Diese Liederabende müssen eine gewisse Organisationsstruktur gehabt haben – denn von der Einlasskontrolle bis zur zügigen Verteilung der zum Teil verderblichen Spenden brauchte es viele helfende Hände.

Nach diesem ertragreichen Einstieg ins Fundraising verfeinerte sie ihr Konzept noch, als sie nach dem Krieg eine Konzertreise in die USA unternahm: Aus den ursprünglich geplanten 24 Konzerten in New York wurde eine Tournee durch 16 Bundesstaaten mit 130 Konzerten in 108 Tagen. Auch hier wird sie wieder organisatorische Unterstützung gehabt haben – Menschen, die Kontakte hergestellt und auf breiter Ebene für Kommunikation gesorgt haben. Da war sicher schon viel von dem dabei, was wir heute als Institutional Readiness bezeichnen.

Ganz im Sinne einer klaren Zielgruppenorientierung passte Meta Diestel das Programm dieser USA-Reise dem Geschmack ihrer Zuhörer an: Diese wollten weniger kirchliche und klassische Lieder hören, sondern viel lieber deutsche Volkslieder. Die Einnahmen aus ihren Konzerten sprudelten geradezu – und wurden in Form von Tonnen von Trockenmilchpulver an deutsche Kinderheime verschickt.

Diese Art der Mittelverwendung und die Hingabe von Meta Diestel für ein so emotionales Thema haben die Spendenfreudigkeit sicherlich zusätzlich angefeuert – denn wer will schon armen, kriegsgebeutelten Kindern eine nahrhafte Mahlzeit verwehren? Die Bilder in den Köpfen der Zuhörer waren sicherlich ein wesentlicher Baustein dieses erfolgreichen und ausgesprochen sympathischen Fundraising-Konzepts, das damals allerdings noch weit davon entfernt war, diese Bezeichnung zu tragen.

In diesem Sinne möge Sie das Thema Fundraising in 2018 oft und inspirierend überraschen,

Ihre Katrin Lindow-Schröder

Referentin für Fundraising
Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

 

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