Die Kolumne des Monats berichtet über die Studienreise der Fundraising Akademie nach Israel und über das dortige Fundraising.

Liebe Leserin,
lieber Leser,

nach längerer Pause war es Anfang September wieder soweit: Die Fundraising Akademie veranstaltete eine Studienreise. Dieses Mal nicht in die USA oder ein Europäisches Land, sondern in den Nahen Osten – nach Israel.

Viele von Ihnen werden Israel kennen. Es ist ein bevorzugtes Reiseziel für kirchliche Gruppen. Keine Sorge, von der Schönheit des Landes, von Wüste und grünen Landschaften, vom lebensfrohen Tel Aviv und dem religiösen Jerusalem, von der sehr beeindruckenden Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, vom See Genezareth und vom Toten Meer will ich nicht berichten.

Sinn und Zweck der Studienreisen der Fundraising Akademie ist es, das Fundraising in anderen Ländern kennenzulernen. Zunächst erfuhren wir in einem Vortrag von Prof. Natan Snaider etwas über „Gesellschaften in Israel“. Er sprach bewusst nicht über die israelische Gesellschaft. Sein Vortrag war eine wichtige Grundlage, um das Land und die dort lebenden Gesellschaften besser zu verstehen. Es gibt viel Ungleichheit in Israel – aber es gibt auch ca. 27.000 NGOs und Bürgerinitiativen, die sich für ein besseres Israel einsetzen.

Wir trafen verschiedene Organisationen und diskutierten mit engagierten Experten. Da war der New Israel Fund (NIF), der 1979 in den USA gegründet wurde, um die Vision der Staatsgründer von Demokratie, Gleichberechtigung und Frieden in Israel zu realisieren. Jährlich unterstützt er finanziell hunderte von Organisationen, die sich für diese Werte einsetzen und ist über die Initiative Shatil für den sozialen Wandel auch operativ tätig. Wir besuchten den Jüdischen Nationalfonds (KKL), der sich zunächst für ein grünes Israel engagierte. Eine große Aufgabe für ein Land, das zu einem großen Teil aus Wüste besteht. Seit Staatsgründung hat der KKL 240 Millionen Bäume gepflanzt. Heute ist er Israels größte Umweltorganisation und befasst sich u.a. mit der Gewinnung von Wasserressourcen und der Entwicklung neuer Agrartechniken. Die unzähligen Spender sind in riesigen Büchern notiert. Dicke Spenderbücher – eine schöne Idee.

Um Bildung geht es bei Givat Haviva, einer Bildungs- und Begegnungsstätte im Norden Israels. Das ehemalige Kibuz ist das älteste Bildungs-Zentrum im Bereich der jüdisch-arabischen Verständigungsarbeit. Nach dem  Motto: Kennen heißt verstehen,  lernen junge Menschen in Givat Haviva mit ihren Nachbarn zu leben und Konflikte friedlich zu lösen. Relativ neu ist eine Art Tagesuniversität, die muslimische junge Frauen besuchen können, denen das Leben in einer Universitätsstadt fern von der Familie nicht erlaubt ist. Im Kunstzentrum auf dem Campus konnten wir eine beeindruckende Fotoausstellung sehen. Junge Menschen und Frauen stellten Fotos aus, die Verständigung und Frieden anschaulich machten.

Sehr eindrucksvoll war der Besuch im Western Galilee Medical Center ganz oben im Norden Israels, kurz vor der libanesischen Grenze, nahe den Golanhöhen. Ein hochmodernes, staatliches Krankenhaus. Außergewöhnlich sind  die Lage und die Ethik dieses Krankenhauses. Es werden viele Kriegsverletzte aus Syrien behandelt und Mitarbeitende und Patienten haben die dauernde Gefahr vor Augen. Wir konnten von einer Aussichtsplattform die Grenze sehen. Das gesamte Krankenhaus kann innerhalb von 90 Minuten in den Keller evakuiert werden, wenn akut Gefahr droht. Die Ethik des Krankenhauses, in dem jüdisches und arabisches Fachpersonal arbeitet, besagt, dass beim Eintritt in das Krankenhaus nur der Mensch gilt, nicht seine religiöse oder ethnische Herkunft. Auch dieses hochmoderne staatliche Krankenhaus erhält vor allem aus den USA Großspenden zur Unterstützung der Arbeit. So ist ein großes Bettenhaus entstanden, vorwiegend durch Großspender finanziert. Spenden werden auch benötigt, um Kriegsverletzte bei der Gewöhnung und Handhabung von Prothesen zu unterstützen; alles was über die reine Wiederherstellung der Gesundheit hinausgeht, muss durch Spenden finanziert werden.

Die Ethik spielt auch eine große Rolle beim Hadassah Krankenhaus in Jerusalem. Hier gibt es klare Regeln, wann von Patienten Geld angenommen werden darf. So gibt es Zeiträume bevor jemand Patient wird und nachdem er Patient war, in denen von ihm und seinen Angehörigen keine Spende angenommen werden darf. Diese Regel ist verbindlich, auch wenn das manchmal schmerzlich ist, weil Patienten spenden wollen.

Zum Schluss möchte ich noch die Hebrew University of Jerusalem (HUJ) erwähnen, die bedeutendste des Landes, zu deren Gründern Albert Einstein und Chaim Weizmann gehörten. Wir erkundeten den wunderschönen Campus und lauschten dem sehr engagierten Vortrag der Fundraiserin. Sie sprach sehr offen über Instrumente und Strategien, mit denen sie Jahr für Jahr unglaubliche Summen für die HUJ einwirbt: jährliche Capital Campaigns, aktives Fundraising durch den Präsidenten und weitere Leitungspersonen der HUJ, Alumni , Freunde und Förderer und – ganz wichtig: Möglichkeiten für Großspender. Dass die Strategie erfolgreich ist, zeigen  die Spendertafeln, die überall in und an fast allen Gebäuden sichtbar sind. Es sind so viele, das nicht der Eindruck einer Elite entsteht, die zur Schau gestellt wird, sondern eher einer Gemeinschaft, die die Hebrew University of Jerusalem trägt.

Es geht um enorme Summen beim Fundraising in Israel. Wir erfuhren, dass die Spendeneinnahmen in Israel pro Jahr etwa 1.8 Billionen Israelische Schekel (ILS) betragen; das sind etwa 4.3 Milliarden Euro. In Deutschland umfasst das Spendenvolumen pro Jahr etwa  5,5 Milliarden Euro. Aber: Israel ist etwa so groß wie Hessen und hat 8,4 Millionen Einwohner – Deutschland  hat etwa zehnmal so viele Einwohner. Spenden die Bewohner Israels so viel mehr, als die Deutschen? Nein, so einfach ist die Rechnung nicht. Nahezu alle Organisationen, die wir getroffen haben, erhalten den größten Teil  Ihrer Zuwendungen aus den USA. Die Einnahmen kommen zu etwa 60 Prozent aus den USA, etwa 20 % aus Europa und 20 Prozent aus Israel. Auch Deutschland gehört zu den geschätzten Geberländern. Hier kommen die Mittel allerdings überwiegend von den großen unternehmensnahen und politischen Stiftungen.  Deutlich wurde, dass alle besuchen Organisationen und strategisches und kontinuierliches Fundraising betreiben. Vielleicht weil es oft um Großspenden geht, hatte ich den Eindruck, dass das Fundraising sehr spenderorientiert ausgerichtet ist..
 

Mein Fazit: Fundraising in Israel ist anders - sicher der Geschichte und der besonderen Situation des Landes und seiner Gesellschaften geschuldet.  Deutlich sind die Einbindung einer weltweiten Spendergemeinde und die Konzentration auf Großspender. Viele der Organisationen, die wir besucht haben, bemühen sich um Brückenschläge zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung. Es scheint ein riesiges ehrenamtliches Engagement in Israel zu geben, so wie es vielleicht nur ein relativ junger Staat leisten kann. Und ich habe alle unsere Gesprächspartner als unglaublich engagiert und voller Leidenschaft für Ihre Organisation erlebt.  Beim KKL wurden wir gefragt, ob wir für unsere eigene Organisation spenden. Für Israelische Fundraiser offenbar eine Selbstverständlichkeit.

Nun habe ich doch mehr geschrieben, als ich wollte und doch nur unvollständig berichten können.

Für mich war diese Studienreise ein sehr besonderes Erlebnis und zugleich der Abschluss meines Vollzeit-Berufslebens. Ab November bin ich nicht mehr für  fundraising-evangelisch zuständig, bleibe aber engagiert.

Ich hoffe, Sie bleiben fundraising-evangelisch weiter verbunden!

Herzliche Grüße

Ihre

Ingrid Alken

Servicestelle Fundraising und Stiftungswesen
alken@fundraisingakademie.de

KOLUMNE DES MONATS

Die Kolumne des Monats berichtet über die Studienreise der Fundraising Akademie nach Israel und über das dortige Fundraising.

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