Paul Dalby widmet sich in der Kolumne des Monats der Kraft der Emotionen nicht nur im Fundraising.

Herz über Kopf – Von der Kraft der Emotionen nicht nur im Fundraising

Ich halte mich, Theologe, Mitte 50, nunmehr schon Großvater, einigermaßen lebenserfahren, für einen vernünftigen Menschen. Ich denke gern und ich denke gern nach; ich lese viel. Das müsste doch in Summe reichen, Problemen vernünftig zu begegnen und in Ruhe nach der besten Lösung zu suchen. Unaufgeregt, nüchtern, prüfend. Pustekuchen. Je mehr ich über die Entwicklungsgeschichte unseres Gehirns erfahre, desto mehr komme ich ins zweifeln. Begonnen hat alles mit dem sog. Reptiliengehirn: Vor Jahrmillionen ging es ums Überleben. Fressen oder gefressen werden. In Sekundenbruchteilen musste gewählt werden zwischen Flucht oder Angriff: Begegnung mit einem Bären oder Begegnung mit einem Kaninchen, so oder so musste schnell gehandelt werden. So schnell, dass in Millisekunden der Knüppel rausgeholt oder die Kehrtwende gemacht war. Hier geht es grundsätzlich um die Frage von Aufmerksamkeit. Das hat unser Überleben gesichert, doch mit rationaler Entscheidung nichts zu tun. Dieses Teil von entscheidet sich schneller als wir denken können und das ist gut so.

Die Entwicklung ging weiter zum sog. Limbischen System. Hier wohnen unsere Emotionen – Liebe, Hass, Neugier, Herrschaftswille und Gemeinschaftsgefühl. Sie haben unser Überleben als Stamm, als Gruppe ermöglicht. Zusammenhalten in der Gruppe, ein soziales Gefüge entwickeln durch Familien- und Clan-Strukturen, die bei  gemeinsamer Jagd oder der Kindererziehung hilfreich waren. Ohne Dominanz keine Leitung. Doch auch Neugier gehört in diesen Bereich, denn bei mangelndem Nahrungsangebot oder andauernder Dürre war der Mut zum Aufbruch gefragt. Auch diese Bereiche funktionieren ohne, besser gesagt: vor dem Denken. Immer noch im Millisekundenbereich liegend, steuern sie unsere Handlungen und sind uns nicht bewusst. Wir fühlen, bevor wir es wissen. Wir handeln und urteilen, bevor wir es merken. Denn die dritte Phase, das bewusste Denken und bewerten braucht etwas 1 Sekunde, um zu greifen. Dann werden aus Emotionen Gefühle, dann lassen sich Handlungen reflektieren und bewerten: Falsch oder richtig, will ich oder will ich nicht. Das kommt hinterher. Der Neocortex, das Großhirn, unsere Fähigkeit zu denken, ist die letzte Stufe unserer Evolution. Sie macht uns zu rationalen, denkenden Wesen. Sie lässt uns glauben, wir hätten uns vernünftig entschieden und rechtfertigt unser Handeln vor unserem inneren Ich. Nachdem wir gehandelt haben.

Spannend im Wortsinn. Denn so spannt sich bei jeder noch so kleinen Handlung, jeder Entscheidung unsere gesamte Menschheitsgeschichte auf.  Wir entscheiden vom Anfang, denken vom Ende her. Spannend bei der Anwendung auf unser Fundraising: Die vielen Worte, die guten Argumente einer Spendenbitte verfangen nicht, wenn das Raubtiergehirn nicht aufmerksam wurde. Langeweile schläfert ein. Bewegung macht aufmerksam, Farbe macht aufmerksam, Ungewöhnliches lässt uns hinschauen.

Danach möchte das limbische Zentrum angesprochen werden: Emotion! Was lässt mich geborgen sein, mutig, mein Herz anrühren, bringt mich zum Staunen oder Anteilnehmen? Ein gutes Foto, eine anrührende Geschichte, eine Melodie. Und erst dann brauche ich Fakten, Details, Einzelheiten, damit das Großhirn bestätigen kann, was mein Herz schon lange weiß: Ich will helfen, will mitmachen, will dabei sein.

1, 2, 3: so einfach. Warum musste ich 57 werden, um das zu verstehen?

Paul Dalby,
Evangelischer Fundraising Service
Hannover

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