2017 feiert die Evangelische Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläum.  Mit Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg  wurden gravierende Veränderungen ausgelöst, die nicht nur das kirchliche Leben betrafen. Luther war ein Kommunikationskünstler und er bediente sich virtuos der modernsten Methoden seiner Zeit. Die Bibelübersetzung, seine Gedanken und Schriften wusste er – Dank der Erfindung des Buchdrucks – weiträumig zu verbreiten. Vermutlich wäre Luther heute auf Social Media Kanälen aktiv und hätte Millionen „Freunde und Follower“.

In seinen 95 Thesen kritisierte Martin Luther unter anderem den Ablasshandel. Johannes Tetzel  versprach den Menschen gegen Geld und tätige Reue den Erlass von Sündenstrafen und half zugleich Mittel zum Bau des Petersdoms in Rom zu beschaffen. War Tetzel also als Fundraiser unterwegs? Nein, das war er sicher nicht. Die Praxis des Ablasshandels unterscheidet sich gravierend vom kirchlichen Fundraising. Tetzel malte Schreckensbilder vom Fegefeuer und setzte damit die Menschen unter erheblichen Druck. Mit falschen Versprechungen zog er den Gläubigen das Geld aus der Tasche. Luther setzte diesem Treiben durch Aufklärung ein Ende, forderte aber dennoch tätige Nächstenliebe und trat in den Predigtstreik, als er sich hier missverstanden fühlte.  Seine Anforderung ist deutlich: „Gott straft nicht, dass man Reichtum und Güter hat,  sondern dass man der Güter übel braucht, das heißt sie allein für sich verwendet, den Armen damit nicht hilft und über das, was uns Gott gegeben hat, kein treuer Haushalter ist.“  Fordert uns ein solcher Satz nicht geradezu auf zum Fundraising für unsere Kirche?

Den Zusammenhang von kirchlichem Auftrag und kirchlichem Fundraising macht Paulus deutlich. Nach seinem Verständnis ist die Kollekte Antwort auf die Gnade Gottes und Dank für im Überfluss erfahrene Gunst. Das Sammeln und Weitergeben der im Überfluss erhalten Gaben in den Gemeinden steht für die gemeinsame Teilhabe an der Gnade Gottes – ein Gottesdienst. Die Gedanken der paulinischen Sammlungskultur sind grundlegend für das kirchliche Fundraising.
Trotz der dringenden Bitte von Paulus ist die Freiwilligkeit Kennzeichen der Kollekte. Paulus setzt auf die Selbstverantwortung der Gemeindeglieder. Frohen Herzens und aus eigener Überzeugung sollen sie geben, denn …“einen fröhlichen Geber hat Gott lieb…“ (2. Kor. 9,7). Das heutige Fundraising handelt nach Recht und Gesetz und fußt auf ethischen Standards.

Die paulinische Kollekte war eine organisierte Hilfe-Aktion. Paulus erkannte, dass auf spontane Hilfsbereitschaft nicht gebaut werden kann. Die  „Verwaltungsbriefe“ (2. Kor.) zeigen deutlich: Paulus war bewusst, dass ein gewisses Maß an Organisation und Verwaltung dem Erfolg dienlich ist. Strategie und Planung nennen wir das heute.

Paulus schreibt Spendenbriefe. Er bittet eindringlich und klar mit konkreten Angeboten um Spenden. Dabei betrachtet er die spezifische Situation des Adressatenkreises. Er zeigt Verständnis für dessen Probleme, bittet aber dennoch um reichliche Spenden. „Jeder soll immer am ersten Tag der Woche etwas zurücklegen, und so zusammen sparen, was er kann“. Er macht die segensreichen Auswirkungen der Spende deutlich und schmeichelt den Spendern, denn er nennt sie “großherzig und verantwortungsvoll“. Die paulinischen Spendenbriefe sind zielgruppenorientiert, emotional, konkret und haben die Spender und Spenderinnen im Blick.

Es lässt sich also feststellen, dass Fundraising kirchliche Wurzeln hat. Paulus gründete und finanzierte christliche Gemeinden; Martin Luther verabscheute den Ablasshandel und reformierte die Kirche. Luther als Meister der Kommunikation und Paulus als professioneller Spendensammler – auf beide können wir uns für das kirchliche Fundraising berufen.

In den nächsten Jahren werden wir uns auf sinkende Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen einstellen müssen. Eine Konsequenz – aber auch eine Chance - liegt im Fundraising, das zunehmend die Kirchensteuereinnahmen flankieren wird. Die Veröffentlichung dieses Online-Buches wurde möglich durch freundliche Unterstützung der EKD. Die Texte des Buches wollen gerade Einsteiger ermutigen, sich dem kirchlichen Fundraising zu nähern. Sie sind auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten von Kirchengemeinden und kirchlichen Stiftungen zugeschnitten. Mögen sie Ihnen helfen, unserem kirchlichen Auftrag zu dienen und Unterstützung dafür zu gewinnen.

Frankfurt, Frühjahr 2016
Ingrid Alken
 

KOLUMNE DES MONATS

Pastor Klaus Struve berichtet in dieser Kolumne über die Kunst des Fundraisings, Herz und Verstand zusammenzubringen.

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Literaturverzeichnis

 

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