1. November 2016

Crowdfunding meint, dass viele Menschen (Crowd = Schwarm) gemeinsam ein Projekt finanzieren. Die Ansprache erfolgt über ein Internetportal.Voraussetzung für das Gelingen ist natürlich, dass eine größere Menge am Projekt Interessierter über das Internet gewonnen werden können. Nähere Informationen hier.

Unter dem Namen Zusammen Gutes tun hat die Evangelische Bank eine Crowdfunding-Plattform eingerichtet. Sie bietet Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen die Möglichkeit, Projekte vorzustellen und Menschen zu deren Unterstützung zu gewinnen. Nähere Informationen dazu finden Sie hier.

 

Bernd Kreh meint:
Das Einwerben von Mitteln zur Realisierung eines interessanten Projekts durch die Gewinnung einer großen Anzahl von Unterstützern ist ein alter Hut. Durch die Möglichkeiten des Internets, die Kopplung einer Projektrealisierung an eine „Wette“ sowie eine kreative Namensgebung konnte bei der Suche nach Förderern eine verstärkte Aufmerksamkeit für dieses neue Instrument erzeugt werden.

Zunächst muss aber festgestellt werden, dass es sich beim sogenannten Crowdfunding keineswegs um die Gewinnung von Spenden, sondern um reines Sponsoring handelt. Denn wesentlich für dieses Instrument zur Einwerbung von Unterstützung ist eine Gegenleistung, die der Mittelempfänger zu erbringen hat. Entstanden ist das Crowdfunding im Kulturbereich, wo es darum geht, Mittel für die Realisierung eines Theater-, Film- oder Literaturprojekts aufzutreiben. Es ist verständlich, dass hierbei Gegenleistungen in Form von Premiere-Besuchen, Theater- bzw. Kinokarten, gesellige Veranstaltungen mit Schauspielern und Autoren, signierte Bücher, Plakate und so weiter angeboten werden können. Die Gegengaben orientieren sich in ihrem (ideellen) Wert an der Höhe des zugesagten Betrags. Die Produktionen werden nur realisiert, wenn bis zu einem festgelegten Zeitpunkt der Mindestbetrag für die Realisierung des Projekts von Unterstützern verbindlich zugesagt ist. Geld fließt zunächst nicht. Erst wenn der festgesetzte Betrag erreicht ist, wird dies allen Unterstützern mitgeteilt und das Geld wird eingefordert. Im anderen Fall nicht. Nach der Realisierung des Projekts wird die Gegenleistung freigegeben.

Die Übertragung des Crowdfundings auf den sozialen Bereich ist durchaus denkbar. Der Effekt, der im Kulturbereich eintritt, kann aber bei vielen sozialen Projekten nicht erzielt werden. Selten gelingt es, pfiffige Gegenleistungen zu kreieren, die auch neue Personen auf das Projekt aufmerksam machen. So bleibt es oft dabei, dass die Personen, die eine Einrichtung bisher schon unterstützt haben, neu „bespaßt“ werden (was durchaus sinnvoll sein kann). Die Hoffnung, neue Zielgruppen zu erschließen, erfüllt sich nur bedingt.

Steuerlich ist in jedem Fall zu beachten, dass es sich um einen (weiteren) Wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb handelt. Sofern man vor allem ein finanzielles Ziel im Blick hat, muss der Steueranteil mit einkalkuliert werden.

Ein Einsatz von Crowdfunding im sozialen Bereich sollte sehr gut überlegt werden. Denn der Clou bei diesem Instrument liegt darin, dass ein Projekt nur dann realisiert wird, wenn sich genügend Personen finden, die sich mit ihren finanziellen Mitteln in einem festgelegten Zeitraum dafür einsetzen. Das mag im Kulturbereich ganz nett sein. Im sozialen Bereich sollte davon ausgegangen werden, dass ein Projekt direkt oder indirekt bedürftigen oder benachteiligten Menschen zu Gute kommt. Spätestens an dieser Stelle sollte also ethisch geklärt werden, ob ein Spiel mit dem Risiko angebracht ist. Denn schließlich bedeutet das, dass das Projekt nicht so wichtig sein kann, da man auch mit einem Scheitern der Finanzierung rechnen muss – und den Einfluss auf die Gewinnung von Unterstützern weitgehend aus der Hand gibt. Eine spätere Realisierung des Projekts auf einem anderen Weg würde gegen die Regeln des Crowdfunding verstoßen. Gescheitert ist hier gescheitert.

Bisher gehen wir im Fundraising in der Diakonie davon aus, dass wir sinnvolle und gute Projekte im sozialen Bereich, die bedürftigen Menschen zu Gute kommen, mit allen Kräften realisieren, weil sie notwendig sind. Wenn sie es nicht sind, sollten wir sie lassen. Aber die Realisierung eines sozialen Projekts einem Spiel auszusetzen, klingt eher zynisch.

Über eine rege Diskussion würde ich mich freuen!

 

Bernd Kreh
Fundraising- und Stiftungsmanager, Abteilungsleiter Förderwesen, Fundraising und Stiftungen der Diakonie Hessen, Frankfurt am Main
bernd.kreh@diakonie-hessen.de

 

KOLUMNE DES MONATS

Pastor Klaus Struve berichtet in dieser Kolumne über die Kunst des Fundraisings, Herz und Verstand zusammenzubringen.

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